Für Reisende aus Stendal und der Altmark beginnt am 2. Oktober eine schwierige Zeit: Mit der ersten großen Sperrphase auf der Bahnstrecke Lehrte–Berlin fallen wichtige Zugverbindungen weg. Als Ersatz soll unter anderem ein Expressbus eingesetzt werden, der Stendal und Wolfsburg in rund 95 Minuten verbindet – offenbar ohne Toilette. Gleichzeitig ist weiterhin unklar, wie die Altmark ab Mitte Dezember 2026 und in weiteren Bauphasen im kommenden Jahr an Berlin, Wolfsburg und Hannover angebunden bleibt.
Die Einschränkungen haben auch politische Folgen. Denis Kreuzadler, Mitglied des Tangermünder Stadtrates und sachkundiger Einwohner im Kreistag Stendal, hat sich mit einem umfangreichen Fragenkatalog an DB InfraGO und DB Fernverkehr gewandt. Der Initiator der Petition „Stendal nicht abhängen – Fernverkehr für die Altmark auch während der Bahnsanierung sichern!“ will von der Deutschen Bahn konkrete Angaben zu Ersatzverkehren, Umleitungen und möglichen Halten in Stendal erhalten. Nach seinen Angaben haben sich inzwischen 1287 Menschen der Forderung angeschlossen.
Welche Verbindungen ab Oktober betroffen sind
Schon jetzt fahren auf der RB34 zwischen Stendal und Rathenow sowie auf der RB35 zwischen Stendal und Wolfsburg Busse als Schienenersatzverkehr. Mit Beginn der Sperrphase am 2. Oktober fällt zusätzlich die Schienenverbindung des RE4 zwischen Stendal und Berlin-Spandau weg. Auch die schnellen direkten Ost-West-Verbindungen im Fernverkehr über Stendal sollen zunächst entfallen.
Für die Fahrt in Richtung Berlin ist als eine Möglichkeit vorgesehen, zunächst mit einem Expressbus von Stendal nach Genthin zu fahren und dort in den RE1 umzusteigen. Nach Wolfsburg soll der zweistündlich verkehrende Expressbus X2 eingesetzt werden. Nach den Kreuzadler vorliegenden Informationen dauert die Fahrt etwa eine Stunde und 35 Minuten. Vorgesehen sei ein Gelenkbus ohne Toilette.
Der reguläre Ersatzverkehr für die RB35 braucht nach Angaben des Petitionsinitiators sogar rund zwei Stunden und fünf Minuten. Kreuzadler fragt deshalb unter anderem, welche Qualitätsstandards für die Busse gelten, welche Ersatzfahrzeuge bei Ausfällen bereitstehen und warum auf der 95-minütigen Fahrt nach Wolfsburg ein Bus ohne Toilette eingesetzt werden soll.
Krankenhaus sieht Folgen für Fachkräfte
Die Debatte betrifft nach Einschätzung Kreuzadlers nicht nur Pendler und private Reisende. Als Beispiel nennt er das Johanniter-Krankenhaus Stendal. Nach Angaben des Oberarztes der Kardiologie, Udo Zacharzowsky, pendeln 88 Prozent der Chef-, Ober- und Fachärzte der Kardiologie aus Berlin oder Wolfsburg nach Stendal.
Längere tägliche Fahrzeiten könnten für diese Beschäftigten zu einem erheblichen Problem werden. Die schnelle Bahnverbindung gilt damit auch als Faktor für die Gewinnung von Fachkräften. Laut Kreuzadler wirbt das Krankenhaus bei der Personalsuche bislang mit kurzen Fahrzeiten: 40 Minuten nach Berlin-Spandau, 30 Minuten nach Wolfsburg und 65 Minuten nach Hannover.
Auch Landrat Patrick Puhlmann, Stendals Oberbürgermeister Bastian Sieler und das Johanniter-Krankenhaus hätten bereits eine verlässliche und schnelle Anbindung gefordert. Für die Region geht es damit neben dem Reisekomfort auch um die Erreichbarkeit eines wichtigen Arbeitgebers.
Weitere Sperrungen bis Dezember 2027 möglich
Besonders offen ist die Situation ab dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2026. Nach Angaben der DB InfraGO kann die Elektrifizierung der Lehrter Stammbahn nicht wie ursprünglich geplant bis Ende 2026 abgeschlossen werden. Die Strecke soll voraussichtlich bis Dezember 2027 gesperrt bleiben. Deshalb muss das Verkehrskonzept angepasst werden.
Kreuzadler will nun wissen, welche Fernverkehrszüge während der verschiedenen Bauphasen durch Stendal oder die Altmark umgeleitet werden und bei welchen Zügen ein Halt in Stendal möglich wäre. Außerdem fordert er Klarheit darüber, welche direkten Verbindungen ab dem 13. Dezember tatsächlich nach Berlin, Wolfsburg und Hannover bestehen. Eine weitere Vollsperrung von Mitte Oktober bis zum 11. Dezember 2027 wirft zudem die Frage auf, wie Stendal in diesem Zeitraum angebunden werden soll.
Gegen die Sanierung selbst richtet sich die Petition laut Kreuzadler nicht. Dass die Strecke modernisiert werden müsse, sei unstrittig. Entscheidend sei vielmehr, dass die Menschen in der Altmark während der gesamten Bauzeit mobil blieben.