Für Stendal steht ab dem 2. Oktober eine massive Einschränkung der Fernverkehrsanbindung bevor: Die vielbefahrene ICE-Strecke zwischen Berlin und Hannover soll mit Zwischenhalten in Stendal und Wolfsburg für mindestens 14 Monate wegen Sanierungsarbeiten gesperrt werden. Ursprünglich war die Sperrung nur für drei Monate vorgesehen. In der Hansestadt formiert sich deshalb Protest.
Besonders deutlich werden die Folgen am Johanniter-Klinikum Stendal. Der Kardiologe und Spezialist für Herzrhythmusstörungen Dr. Udo Zacharzowsky pendelt täglich aus Berlin an. Für ihn verlängert sich die bisher rund 30-minütige Fahrt von Spandau nach Stendal voraussichtlich auf etwa zwei Stunden – jeweils für Hin- und Rückweg.
„Doch jetzt soll das Ganze 14 Monate gehen. Das ist für uns eine Katastrophe“, sagt Zacharzowsky. In der Kardiologie war der Urlaubsplan nach seinen Angaben zunächst auf die ursprünglich geplante Sperrung von Oktober bis Anfang Dezember ausgerichtet worden. Die deutlich längere Unterbrechung stelle nun die Personalplanung vor eine neue Herausforderung.
Krankenhaus befürchtet Probleme bei den Pendlern
Nach Angaben der Krankenhausleitung pendeln rund 40 Ärzte täglich nach Stendal. Geschäftsführer Jens Domke hält es für unrealistisch, dass alle Ärzte die lange zusätzliche Fahrzeit über einen solchen Zeitraum hinweg auf sich nehmen können. Zacharzowsky habe sich mit seinem Team über Jahre etwas am Stendaler Krankenhaus aufgebaut, sei dem Standort grundsätzlich verbunden, aber noch ohne konkreten Plan B.
Die Klinik hat deshalb bereits eine Etage freigeräumt. Einzelne Mitarbeiter sollen dort zumindest an einzelnen Tagen in Stendal übernachten können. Domke bezeichnet diese Möglichkeit jedoch als Notlösung. Zacharzowsky verweist zugleich darauf, dass Berliner Beschäftigte möglicherweise leichter auf andere berufliche Optionen in der Hauptstadt ausweichen könnten.
Zwei Bahnstrecken bis Ende 2027 gesperrt
Hinter der Sperrung steht eine geplante Komplettsanierung der Verbindung zwischen Berlin und Hannover. Betroffen ist nicht nur die ICE-Strecke über Stendal und Wolfsburg. Auch die parallel verlaufende Lehrter Stammstrecke soll modernisiert werden. Ihre Elektrifizierung sollte ursprünglich Ende 2026 abgeschlossen sein, damit sie als Ausweichroute dienen kann. Nach Angaben der Bahn wird dies jedoch nicht rechtzeitig möglich sein; beide Strecken sollen deshalb bis Dezember 2027 vollständig gesperrt bleiben.
Der Fernverkehr wird währenddessen über Magdeburg und Braunschweig nach Hannover umgeleitet. Wer aus Stendal nach Berlin fahren will, muss laut dem Bericht Umwege über Magdeburg und Wittenberge einplanen. Auch Pendler in Richtung Wolfsburg sind betroffen. Die Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt plant Ersatzbusse für die Strecke.
Für die Region geht es damit nicht nur um längere Reisezeiten. Oberbürgermeister Bastian Sieler warnt vor Folgen für das Klinikum, Unternehmen, Berufspendler und den Hochschulstandort. Auch Beschäftigte und Studierende der Hochschule pendeln nach Stendal. Der emeritierte Hochschulprofessor Wolfgang Patzig bezeichnete die Auswirkungen als massiv und kritisierte die Sanierungspläne als mögliches „Entsiedlungsprogramm für den ländlichen Raum“.
Protestbrief an die Bahn
Sieler initiierte im August ein Protestschreiben an die Bahn. Interessierte können es aus dem Internet herunterladen und individuell an die Bahnchefin schicken. Nach Angaben des Oberbürgermeisters ist die Resonanz groß. Bei einer öffentlichen Einladung des Landkreises und des Bürgermeisters versammelten sich zudem Menschen am Bahnhof, um ihren Unmut auszudrücken.
„Wir erzeugen hier eine große Schieflage. Wenn Menschen wegziehen, sich einen neuen Job suchen, dann wird man Ende 2027 nicht zur Normalität zurückkehren. Wir werden da eine Menge verlieren“, sagte Sieler.
Die Bahn erklärte auf Anfrage, sie nehme den Unmut aus der Region wahr. An der Sanierung in der bisherigen Dimension werde jedoch festgehalten. Gleichzeitig arbeite das Unternehmen noch an Entlastungen für Pendler. Welche zusätzlichen Maßnahmen konkret kommen, bleibt damit offen.