Wie wird aus einem Jugendlichen, der aus Protest AfD wählt, ein junger Autor, der auf Demonstrationen gezielt das Gespräch mit Menschen aus dem rechten Spektrum sucht? Dieser Frage geht Hannes Kreschel in seinem Debütbuch „Wutbürger.exe“ nach. Der 23-jährige Content-Creator stellt das Buch am Mittwoch, 12. August, um 18 Uhr in der Kultur-Nische in Salzwedel vor.
Kreschel beschreibt in seinem Buch, wie sein Vater ihn als Jugendlichen politisch beeinflusste und wie Gespräche mit älteren Bandkollegen schließlich ein Umdenken auslösten. Im Gespräch mit der Altmark Zeitung spricht er außerdem darüber, was Menschen zu Demonstrationen treibt und warum eine Annäherung zwischen unterschiedlichen politischen Lagern schwierig sein kann.
Persönliche Verbindung zur Altmark
Obwohl Kreschel nahe Magdeburg aufgewachsen ist, kennt er die Region aus seiner Kindheit. Seine Großmutter lebt in Gardelegen. Deshalb habe er als Kind viel Zeit in der Altmark verbracht und dort seine Ferien erlebt. Nach Salzwedel sei die Familie früher häufiger gefahren, um ins Kino zu gehen, weil es in Gardelegen kein Kino gegeben habe.
Seine eigene politische Vergangenheit erklärt Kreschel mit dem Einfluss seines Vaters, den er dem verschwörungstheoretischen Spektrum zuordnet. Bei der Kommunalwahl 2019 sei er gerade 16 Jahre alt gewesen. Er habe damals das Parteiprogramm nicht gekannt und aus Protest „gegen die da oben“ gewählt.
Sechs Monate bis zum Umdenken
Nach Kreschels Darstellung gab es keinen einzelnen Wendepunkt. Der Veränderungsprozess habe ungefähr sechs Monate gedauert. Damals spielte er Schlagzeug in einer Punkrock-Band. Ältere Bandkollegen diskutierten intensiv mit ihm und lenkten seinen Blick auf soziale Fragen. Als er sich mit dem AfD-Programm auseinandersetzte, sei für ihn klar gewesen, die Partei nicht wieder zu wählen.
„Es gab keinen einzelnen Schlüsselmoment, sondern einen etwa sechsmonatigen Prozess.“
Heute veröffentlicht Kreschel Videos von Gesprächen mit Menschen aus dem rechten Spektrum. Dabei unterscheidet er zwischen Personen, die aus Frust wählen, und solchen, die politisch überzeugt sind. Seiner Einschätzung zufolge steckt häufig eine starke Emotion dahinter. Empfundene Ungerechtigkeit werde oft auf Sündenböcke abgewälzt – etwa auf Menschen mit Migrationshintergrund, die Opposition oder globale Eliten.
Mit sachlichen Argumenten erreiche man auf Kundgebungen allerdings nur selten jemanden, sagt Kreschel. Wer demonstriere, habe meist ein gefestigtes Weltbild. Bei jüngeren Menschen könne es manchmal eher gelingen, Denkprozesse anzustoßen.
Buch über gesellschaftliche Spaltung
„Wutbürger.exe“ verarbeitet 15 Interviews, die Kreschel mit eigenen Einordnungen ergänzt. Das Buch soll einen Beitrag zur Debatte über gesellschaftliche Spaltung leisten und zugleich mit Humor an das Thema herangehen. Kreschel möchte nach eigenen Angaben sowohl jüngere als auch ältere Leser politisch erreichen.
Auch sein Verhältnis zu seinem Vater, dem Kabarettisten Ernst-Ulrich Kreschel, thematisiert der Autor öffentlich. Nach jahrelangen Diskussionen über Verschwörungstheorien habe er während seiner Vorbereitung auf das Jura-Examen darum gebeten, politische Themen auszuklammern. Nachdem sein Vater dies nicht getan und ihm beleidigende Nachrichten geschickt habe, habe Kreschel den Kontakt beendet.
Für Leser aus Salzwedel und der Altmark bietet die Veranstaltung damit nicht nur eine Buchvorstellung, sondern auch ein Gespräch über politische Prägung, Streit in Familien und die Frage, ob Gespräche gesellschaftliche Fronten überwinden können.