Die AfD geht mit einem deutlichen Vorsprung in die letzten Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. In einer aktuellen Infratest-dimap-Umfrage kommt die Partei auf 41 Prozent, die CDU erreicht 24 Prozent. Damit liegen 17 Prozentpunkte zwischen den beiden Parteien. Gewählt wird am 6. September 2026.
Für den Wahlkampf im Land bedeutet das eine ungewöhnliche Ausgangslage. Erstmals besitzt die AfD nach Darstellung der Ostdeutschen Zeitung eine realistische Chance, bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit deutlichem Abstand stärkste Kraft zu werden. Ob daraus tatsächlich eine Regierungsbeteiligung oder sogar eine eigene Mehrheit entsteht, ist jedoch nicht entschieden.
Siegmund stellt den persönlichen Kontakt in den Mittelpunkt
Im Zentrum der Kampagne steht Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Der 35-Jährige setzt dem Bericht zufolge auf direkte Gespräche mit Bürgern und Anhängern, persönliche Präsenz bei Veranstaltungen und leicht verständliche, zugespitzte Botschaften. Er lässt sich fotografieren und sucht bewusst die Nähe zu seinem Publikum.
Dieser Auftritt unterscheidet sich von stärker institutionell oder verwaltungsorientiert geprägten Wahlkampfformaten anderer Parteien. Die derzeitigen Umfragewerte zeigen laut Bericht zumindest, dass Siegmund und seine Partei große Teile ihrer möglichen Wählerschaft erreichen. Der Kandidat gehört seit zehn Jahren dem Landtag an und führt gemeinsam mit Oliver Kirchner die AfD-Fraktion.
Inhaltlich konzentriert sich die AfD auf wenige Themen. Dazu zählen Migration, innere Sicherheit, Familienpolitik, Energiepreise, Bildung sowie Kritik an Verwaltung und Bürokratie. Siegmund verbindet politische Fragen häufig mit dem Alltag der Menschen. In der Arbeitsmarktpolitik setzt er stärker auf Familienpolitik und die Aktivierung vorhandener Arbeitskräfte, während Ministerpräsident Sven Schulze auf zusätzliche Arbeitsmigration verweist. Auch eine stärkere Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Verwaltung gehören zu Siegmunds Vorstellungen.
Von der Protestpartei zum Anspruch auf Regierungsverantwortung
Die AfD ist in Sachsen-Anhalt inzwischen organisatorisch und parlamentarisch fest verankert. Sie sitzt seit 2016 im Landtag. Bei Kommunalwahlen konnte sie ihre Position in zahlreichen Kreisen und Gemeinden ausbauen. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann sie nach Angaben des Berichts sämtliche Direktwahlkreise in Sachsen-Anhalt.
Damit tritt die Partei im aktuellen Wahlkampf nicht mehr nur als Herausforderin an. Sie verfügt über Abgeordnete, kommunale Mandatsträger und Parteistrukturen im gesamten Land. Siegmund strebt nach eigener Darstellung die Regierungsübernahme an und spricht auch über die Möglichkeit einer eigenen Mehrheit.
Mit diesem Anspruch steigen allerdings die Anforderungen. Eine Partei, die regieren will, muss erklären, wie ihre Vorhaben finanziert, rechtlich umgesetzt und durch die Verwaltung organisiert werden sollen. Genau diese Fragen dürften in der Schlussphase des Wahlkampfs stärker in den Mittelpunkt rücken.
Finanzierung und mögliche Mehrheiten als offene Fragen
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat Teile des AfD-Regierungsprogramms untersucht. Für die bezifferbaren Vorhaben errechneten die Wissenschaftler zusätzliche jährliche Ausgaben von rund 2,5 Milliarden Euro. Geplante Einsparungen würden demnach nur etwa 243 Millionen Euro ausgleichen. Daraus ergäbe sich eine Finanzierungslücke von ungefähr 2,2 Milliarden Euro pro Jahr.
Siegmund räumte laut Bericht ein, dass nicht alle Projekte kurzfristig finanzierbar seien, und verwies auf eine längerfristige Umsetzung. Für die AfD wird damit entscheidend, ihre politischen Versprechen mit konkreten Finanzierungskonzepten zu unterlegen.
Ob die Partei trotz des Umfragevorsprungs eine Regierung führen kann, bleibt ebenfalls offen. Andere Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD bislang aus. Deshalb wird bereits über mögliche Mehrheiten nach dem Wahltag diskutiert. Die Konkurrenz muss sich damit nicht nur mit eigenen Programmen beschäftigen, sondern auch mit der Frage, wie sie auf einen möglichen AfD-Wahlsieg reagieren würde.
Ein weiterer Streitpunkt ist die Einstufung des Landesverbands Sachsen-Anhalt durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem. Die AfD weist diese Einstufung zurück. Sie wird den Wahlkampf nach Einschätzung des Berichts ebenso begleiten wie Auseinandersetzungen über einzelne Aussagen und Positionen Siegmunds.
Für die letzten Wochen ergibt sich damit ein Spannungsfeld: Die AfD kann mit 41 Prozent auf einen außergewöhnlich hohen Umfragewert verweisen. Gleichzeitig werden ihre Konzepte umso genauer geprüft, je stärker sie Regierungsverantwortung beansprucht. Über das Wahlergebnis entscheiden am 6. September zunächst die Wähler und anschließend die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse im neuen Landtag.