Auf einem Hof in Düsedau im Landkreis Stendal wird Getreide nicht mehr nur für den anonymen Markt angebaut: Die Landwirtsfamilie Thomsen verpachtet einen Teil ihres Ackers und baut dort genau die Sorten an, die sich ihre Kunden wünschen. Das ungewöhnliche Geschäftsmodell läuft seit einem Jahr und bringt Verbraucher und Landwirtschaft eng zusammen.

Der erste Pächter ist Heiko Weit, ein Finanzberater aus Dresden. Er hat einen Hektar auf dem Düsedauer Hof gepachtet, weil er nachvollziehen möchte, woher das Getreide für das Brot und den Kuchen seiner Familie kommt. Statt moderner, ertragreicher Sorten wünschte er sich alte Weizensorten und Waldstaudenroggen.

Waldstaudenroggen wird nach Angaben von Constanze Thomsen heute kaum noch angebaut. Die Sorte sei für die modernen Bedingungen in der Landwirtschaft nicht ergiebig genug. Auf Weits Fläche wurde sie trotzdem ausgesät – nach dem Prinzip: Der Kunde entscheidet, was wächst.

Erste Ernte bringt mehrere hundert Kilo Getreide

Die erste Ernte ist vor wenigen Tagen eingefahren worden. Sie brachte etwa 300 Kilogramm reines Waldstaudenroggenkorn sowie rund 550 Kilogramm alten Weizen. Für Heiko Weit ist das eine große Menge, mit der sich nach seinen Angaben viel Brot backen lässt. Seine sieben Kinder ernährt er auf diese Weise mit dem selbst ausgewählten Getreide.

Der Dresdner hätte das Getreide alternativ im Bio-Handel kaufen können. Dagegen sprechen für ihn jedoch mehrere Gründe: Zwischenhändler könnten die Preise erhöhen, außerdem sei nicht sicher, ob das gekaufte Getreide vollständig rein und frei von zufälligen Verunreinigungen sei. Bei der Familie Thomsen schätzt er nach dem Bericht die direkte Kontrolle und die sorgfältige Arbeit.

Für die Thomsens bedeutet das Modell zusätzlichen Aufwand. Wer Getreide anbaut, erntet und anschließend direkt an einen Kunden übergibt, benötigt unter anderem eine Kornreinigung. Eine solche Maschine hat die Familie inzwischen angeschafft. Constanze Thomsen sortierte die mehreren hundert Kilogramm Körner dennoch zusätzlich von Hand.

Landwirtschaft als direkte Beziehung zwischen Kunde und Hof

Die Landwirtin sieht in dem Konzept mehr als eine besondere Form der Vermarktung. Sie möchte Verbraucher und Landwirte näher zusammenbringen. Nach ihrer Einschätzung achten immer mehr Menschen bewusst darauf, welche Lebensmittel sie verwenden und welche Bedeutung diese für die Gesundheit haben.

„Wir denken, dass das ein Weg für die Zukunft ist“, sagt Thomsen, „weil immer mehr auch wirklich bewusst hinschauen, was sie für ein Lebensmittel nutzen wollen. Weil viele erkannt haben, dass Lebensmittel auch was mit Gesundheit zu tun haben. Und deshalb lassen wir uns darauf ein.“

Auch der erste Pächter fordert die Familie heraus – allerdings ausdrücklich im positiven Sinn. Weit formuliere klar, was er möchte und was nicht, berichtet Constanze Thomsen. Ein einfaches „Das geht nicht“ akzeptiere er nicht ohne Weiteres. Dadurch müsse die Familie immer wieder prüfen, ob etwas tatsächlich unmöglich sei oder ob sich eine Lösung finden lasse.

Eine der größten praktischen Herausforderungen bleibt die Aufbereitung des Getreides. Die Anschaffung der Kornreinigung war deshalb ein wichtiger Schritt. Die zusätzliche Handarbeit zeigt zugleich, wie stark sich das Wunsch-Acker-Modell von einer gewöhnlichen Getreideproduktion unterscheidet.

Im kommenden Jahr soll auch Hafer wachsen

In Düsedau soll die Idee fortgesetzt werden. Heiko Weit und seine Familie wollen auch im kommenden Jahr Pächter der Familie Thomsen bleiben. Für die nächste Anbausaison wünschen sie sich zusätzlich Hafer.

Das wäre für die Landwirtsfamilie eine weitere Aufgabe, weil Haferkörner nach der Ernte geschält werden müssen. Wie sich dieser Wunsch umsetzen lässt, ist noch offen. Constanze Thomsen sagt dazu: „Mal sehen, was wir machen können.“

Die Roggensäcke sollen noch im August in Düsedau abgeholt werden. Aus dem zunächst geschäftlichen Kontakt ist inzwischen eine Freundschaft zwischen den Familien entstanden. Für die Kinder der Weits ist der Besuch auf dem Bauernhof ein Erlebnis: Sie beobachten die Getreidesäcke, mahlen das Korn zu Hause mit Handmühlen, verarbeiten es im Müsli oder rösten die Kerne.

Die Familie Thomsen hofft, dass sich weitere Berufskollegen auf ein ähnliches Modell einlassen. Das Beispiel aus Düsedau zeigt, dass individuelle Kundenwünsche in der Landwirtschaft zwar zusätzliche Technik, Zeit und Flexibilität erfordern – aber auch eine dauerhafte Verbindung zwischen Hof und Verbraucher schaffen können.