Auf dem Jüdischen Friedhof in Stendal sind mindestens zehn Gräber beschädigt worden. Unbekannte Täter kippten Anfang Oktober mehrere Grabsteine mit Gewalt von ihren Sockeln. Die Polizei ermittelt wegen einer antisemitischen Straftat und wegen der Störung der Totenruhe.
Nach Angaben der Geschichtswerkstatt Stendal wurden die Schäden bei mehreren Begehungen festgestellt. Von insgesamt 89 bekannten Gräbern waren mindestens zehn betroffen. Die Grabsteine versanken nach dem Umwerfen teilweise tief im weichen Boden. Auch die Friedhofsmauer wurde beschädigt: Beim Überwinden der verschlossenen Gittertür lösten sich Abdecksteine und fielen herunter.
Schäden vor angekündigtem Besuch entdeckt
Entdeckt wurde die Verwüstung während der Vorbereitungen für den Besuch einer Gruppe von Kindern aus Tangermünde, die als Stadtführer tätig sind. Die Jugendlichen hatten zuvor bereits Räumaktionen auf dem jüdischen Friedhof in Tangermünde unterstützt und zeigten sich bestürzt über die Schäden in Stendal.
Betroffen ist auch der Grabstein von Frieda Mattischack. Die Geschichtswerkstatt erinnert daran, dass es sich um einen kräftigen Stein mit schmuckvoller Bekrönung handelt, den der frühere Stendaler Synagogenvorsteher Jacob Mattischack seiner früh verstorbenen Frau setzen ließ. Mattischack wurde 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt durch die Nationalsozialisten ermordet. Seine beiden Kinder konnten rechtzeitig fliehen.
Für Januar hat sich eine Gruppe von Nachfahren der Familie Cohn zu einem Besuch in Stendal angekündigt. Auguste und Richard Cohn lebten einst in der Hallstraße 4; an die Familie erinnern dort Stolpersteine. Die Schäden erhöhen damit nach Einschätzung der Geschichtswerkstatt die Dringlichkeit der Wiederherstellung.
Friedhof blickt auf lange Geschichte zurück
Die erste Bestattung auf dem Friedhof fand im Februar 1859 mit Hirsch Hirschfels statt. Hintergrund für die Anlage war ein königlicher Erlass aus dem Jahr 1814, nach dem Tote nicht weiter als eine Meile transportiert werden durften. Der jüdische Friedhof in Tangermünde kam deshalb nicht mehr infrage. Das Grundstück in Stendal wurde 1859 auf freiem Feld erworben, mit einer Mauer und einem Eingangstor eingefriedet und anschließend belegt.
Die letzte Bestattung erfolgte 1940. Edel Kraskin wurde als letzte Person auf dem Gelände beigesetzt. Von den 89 bekannten Gräbern sind 22 Kindergräber. Gepflegt wird der Friedhof vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt.
Führung im November und Spendenaufruf
Die Geschichtswerkstatt Stendal bittet um Hinweise, die zur Aufklärung der Tat beitragen können. Außerdem ist für Sonntag, den 8. November, um 14 Uhr eine öffentliche Führung über den Friedhof angekündigt. Sie soll auf die Bedeutung des Ortes für die Stendaler Stadtgeschichte sowie für die deutsche Kultur- und Heimatgeschichte aufmerksam machen.
Für die Reparatur der beschädigten Gräber werden nach Angaben der Geschichtswerkstatt erhebliche finanzielle Mittel benötigt. Spenden sind unter dem Kennwort „Friedhof“ auf das Konto bei der Kreissparkasse Stendal möglich: IBAN DE10 8105 0555 0101 0437 32. Langfristig soll verstärkte Öffentlichkeitsarbeit dazu beitragen, weitere Straftaten dieser Art zu verhindern.