Nach dem Genehmigungsstopp für eine Phosphorfällung im Arendsee hat das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) seine Pläne verteidigt. Die Wissenschaftler widersprechen zentralen Argumenten des Altmarkkreises Salzwedel und halten den Handlungsdruck für unverändert hoch. Aus ihrer Sicht kann der größte See Sachsen-Anhalts nur durch eine Kombination aus weniger Nährstoffeinträgen und einer Verringerung der bereits im Wasser vorhandenen Phosphormengen dauerhaft ökologisch verbessert werden.
Warum der Arendsee seit Jahrzehnten belastet ist
Der Arendsee leidet seit Jahrzehnten unter einer überhöhten Nährstoffbelastung. Die Folgen reichen laut IGB von Sauerstoffmangel und starken Algenentwicklungen bis zum Rückgang der Unterwasservegetation, Fischsterben und zeitweisen Badeverboten. Das Land Sachsen-Anhalt finanzierte deshalb über Jahre Untersuchungen und Planungen zur Sanierung.
Bei der Suche nach den Ursachen kamen die Forscher zu Ergebnissen, die frühere Annahmen widerlegten. „Bevor wir mit unseren Untersuchungen begonnen haben, war man davon überzeugt, dass entweder Nährstoffe aus der Landwirtschaft oder nordische Gänse für die zu hohe Nährstoffbelastung verantwortlich sind“, erklärt IGB-Forscher Dr. Jörg Lewandowski.
Heute geht das Institut davon aus, dass rund die Hälfte des Phosphors über das Grundwasser aus dem Siedlungsgebiet der Stadt in den See gelangt. Als mögliche Quellen nennt es nicht ordnungsgemäß zurückgebaute Sickergruben, eine starke Düngung von Privatgärten und undichte Abwasserleitungen. Die frühere Abwasserverrieselung und ein ehemaliges Düngemittellager im Bahnhofsbereich hätten sich dagegen nicht als Verursacher bestätigt.
Im Grundwasser seien neben Phosphor auch Süßstoffe und Arzneimittelrückstände nachgewiesen worden. „Die können eigentlich nur aus undichter Abwasserkanalisation stammen“, sagt Lewandowski.
Sanierung an den Zuflüssen und Behandlung im See
Das IGB unterscheidet zwischen Sanierung und Restaurierung: Eine Sanierung soll die Ursachen bekämpfen und externe Nährstoffeinträge verringern. Eine Restaurierung setzt direkt im See an und soll die Folgen der bestehenden Belastung abmildern, etwa durch eine seeinterne Phosphorfällung.
Nach Auffassung der Fachleute reicht es nicht aus, nur die Eintragsquellen zu beseitigen. Eine Projektarbeitsgruppe habe verschiedene Lösungsansätze geprüft. Das Ergebnis sei, dass sowohl die Zuflüsse saniert als auch der See selbst restauriert werden müssten.
Der Altmarkkreis hatte die Genehmigungsfähigkeit der Fällung unter anderem daran geknüpft, dass gleichzeitig ein Konzept zur Bekämpfung der Ursachen vorliegt. Für IGB-Wissenschaftler Michael Hupfer greift diese Bedingung zu kurz. „Unsere Berechnungen haben gezeigt, dass Sanierung und Restaurierung erforderlich sind, aber nicht zwingend gleichzeitig erfolgen müssen“, sagt er.
Selbst bei einer erfolgreichen Verringerung der Einträge würde sich der Arendsee nach Einschätzung des Instituts erst über Jahrzehnte erholen. Als Grund nennt das IGB eine Wassererneuerungszeit von mehr als 50 Jahren. Eine Phosphorfällung könne die Nährstoffmenge dagegen kurzfristig deutlich senken und damit Zeit für weitere Sanierungsmaßnahmen schaffen.
Forscher sehen auch im Abwarten ein Risiko
Das IGB weist die Einschätzung zurück, ein Fällmitteleinsatz sei ein unkalkulierbares Risiko für das Ökosystem. „Die Argumentation des Altmarkkreises, dass ein Einsatz von Fällmittel ein unkalkulierbares Risiko für das Ökosystem darstelle, ist nicht nachvollziehbar, denn wir haben es hier mit einer erprobten Technik zu tun“, erklärt Lewandowski.
Nach Darstellung des Instituts werde bei der Bewertung zu wenig berücksichtigt, dass auch der Verzicht auf Gegenmaßnahmen ökologische Folgen habe. Besonders die Sauerstoffsituation im Tiefenwasser sei zunehmend kritisch. Der Klimawandel könne starke Algenblüten häufiger machen und dadurch den Lebensraum sauerstoffabhängiger Organismen weiter verkleinern.
Betroffen wäre nach Einschätzung der Wissenschaftler auch die Kleine Maräne. Ihr Bestand werde derzeit nur durch regelmäßigen Besatz gesichert; eine natürliche Fortpflanzung sei unter den aktuellen Bedingungen kaum noch möglich.
Hupfer sieht eine sinkende Phosphorkonzentration zudem als wichtigen Beitrag zur Anpassung von Seen an den Klimawandel. „Die beste Methode, um Seen auf weiteren Klimawandel vorzubereiten, ist die Senkung der Phosphorkonzentration“, sagt er. Die Sorge des Landkreises, gebundener Phosphor könne später wieder freigesetzt werden, teilen die Forscher für den Arendsee nicht. Wegen der großen Tiefe und der steil abfallenden Ufer sei ein Aufwirbeln der Ablagerungen durch Wind kaum zu erwarten.
Welche Optionen jetzt noch genannt werden
Nach Angaben des IGB haben sich inzwischen mehr als 25 Tonnen Phosphor im Arendsee angesammelt. Neben einer Fällung mit anderen Mitteln seien technische Reinigungsanlagen denkbar, die belastetes Wasser aufbereiten und anschließend in den See zurückführen.
Zusätzlich schlagen die Experten vor, phosphorhaltiges Grundwasser bereits vor dem Eintritt in den See zu behandeln. Genannt werden Entnahmebrunnen entlang belasteter Uferbereiche sowie technische oder naturbasierte Anlagen zur Phosphorreinigung.
Die Entscheidung des Altmarkkreises beendet die Debatte damit nicht. „Nichtstun und Verhindern sind keine Alternative, wenn der Arendsee als Perle der Altmark wieder in neuem Glanz erstrahlen soll“, erklärt Hupfer. Wie die Sanierung des Sees weitergeführt werden kann, bleibt damit Gegenstand der weiteren Auseinandersetzung.