Der Arendsee braucht dringend Hilfe, doch der Weg dorthin ist weiter offen: Der Altmarkkreis Salzwedel hat die beantragte Phosphorfällung nicht genehmigt. Bei einer Informations- und Diskussionsveranstaltung im Klostergarten Arendsee wurde zugleich deutlich, dass ein „Weiter so“ für den größten See Sachsen-Anhalts aus Sicht der Beteiligten keine Option ist.
Knapp 50 Menschen nahmen am Mittwochabend an der Veranstaltung des Kreisverbandes Altmark von Bündnis 90/Die Grünen teil. Organisiert wurde der Abend von der altmärkischen Grünen-Landtagsabgeordneten Dorothea Frederking. Auf dem Podium saßen die Bundestagsabgeordnete und frühere Bundesumweltministerin Steffi Lemke, Landrat Steve Kanitz, Arendsees Bürgermeister Norman Klebe, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft „Der Arendsee“, Dr. Dörte Bethge-Steffens, sowie Kreistagsmitglied Peter Lahmann. Moderiert wurde die Diskussion von der früheren rheinland-pfälzischen Umweltministerin Ulrike Höfken.
Hohe Phosphorwerte sind unstrittig
Über die Ausgangslage herrschte weitgehend Einigkeit. Ulrike Höfken erklärte zu Beginn, die hohen Phosphorwerte im See seien unbestritten. Ebenso bestehe die Verpflichtung, seinen ökologischen Zustand zu verbessern. Ihre Schlussfolgerung lautete: „Irgendwas muss passieren.“
Steffi Lemke ordnete die Entwicklung in einen größeren Zusammenhang ein. Sie verwies auf die Folgen des Klimawandels und Veränderungen im Wasserhaushalt. Der Arendsee sei kein Einzelfall. Zugleich warnte sie davor, allein darauf zu hoffen, dass sich der See selbst stabilisiert: „Vielleicht geht‘s gut, aber wenn‘s nicht gut gehen sollte, ist es, glaube ich, ein relevantes Problem“.
Landrat Steve Kanitz verteidigte die Entscheidung des Altmarkkreises. Die Kreisverwaltung habe über Jahre weitere Untersuchungen verlangt, um mögliche Folgen für Flora und Fauna auszuschließen. Aus Sicht der Behörde sei das bislang nicht ausreichend gelungen. Kanitz betonte dennoch: „Wir sind dafür, den See zu restaurieren“.
Sein Einwand richtet sich vor allem gegen eine Behandlung, die aus seiner Sicht nur die Folgen und nicht die Ursache der Belastung bekämpft. Geprüft werden müssten deshalb auch Alternativen – etwa die Behandlung belasteter Grundwasserströme oder technische Verfahren, mit denen phosphorhaltige Sedimente entfernt werden könnten.
Gemeinde drängt auf konkretes Handeln
Arendsees Bürgermeister Norman Klebe sieht den See seit Jahren als hilfsbedürftig an. Bereits 2013 habe der Stadtrat die Unterstützung von Restaurierungsmaßnahmen beschlossen. Neben seiner ökologischen Bedeutung sei der Arendsee das touristische Herzstück der Einheitsgemeinde. Wiederkehrende Berichte über Blaualgenblüten schadeten dem Image der Region.
Klebe fordert deshalb eine stärkere Verantwortung des Landes Sachsen-Anhalt, das Eigentümer des Gewässers ist. „Nichts zu tun und die Hände in den Schoß zu legen, das bringt uns an der Stelle auch nicht weiter“, sagte der Bürgermeister. Seine Forderung formulierte er ausdrücklich: „Der Eigentümer, das Land Sachsen-Anhalt, muss hier tätig werden“.
Die Gewässerökologin Dörte Bethge-Steffens, die sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Arendsee beschäftigt, sprach von erheblichem Handlungsdruck. Nach den Kriterien der Wasserrahmenrichtlinie werde der See in der schlechtesten Zustandsklasse bewertet. Sie warnte, dass das Ökosystem bei einem Sich-selbst-Überlassen irgendwann zusammenbrechen könne.
Nach ihrer Einschätzung stammt der größte Teil der Belastung aus alten Phosphoreinträgen, die über das Grundwasser in den See gelangen. Weil das Wasser rechnerisch mehr als 60 Jahre im Arendsee verbleibe, reichten Maßnahmen außerhalb des Gewässers allein nicht aus. Die seit Jahren diskutierte Phosphorfällung hält sie deshalb weiterhin für den aussichtsreichsten Ansatz. Zugleich müsse geprüft werden, welche Verfahren dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Ihre zugespitzte Beschreibung der Debatte lautete: „Bleiben also nur Klangschalen, Meditation oder die Fällung.“
Weitere Prüfung und Beteiligung gefordert
Peter Lahmann mahnte dagegen zur Vorsicht. Entscheidend sei für ihn, ob die Folgen einer großflächigen Behandlung ausreichend untersucht wurden. Er forderte eine Abwägung nach Umweltverträglichkeit und nicht nach Kosten: „Man darf hier nicht aufs Geld schauen. Man muss die Methode nehmen, die tatsächlich für die Umwelt am besten und am verträglichsten ist“.
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um sinkende Wasserstände, die Rolle des Grundwassers, die Entwicklung des Schilfgürtels, frühere Tiefenwasserableitungen, technische Möglichkeiten zur Reinigung sowie mögliche Folgen für Natur, Tourismus und Fischerei. Die Kontroverse betrifft damit weniger die Beschreibung des Problems als die Bewertung der Lösungswege.
Mehrere Teilnehmer begrüßten die Ablehnung des bisherigen Antrags. Andere verwiesen darauf, dass Alternativen bereits untersucht worden seien und bei der Größe und Tiefe des Arendsees nur geringe Wirkung entfalten könnten oder mit erheblichem Aufwand verbunden wären. Auch der Versuch, den Phosphoreintrag über das Grundwasser zu stoppen, sei intensiv geprüft worden.
Als nächster Schritt wurde eine erneute, transparente Bewertung aller realistischen Verfahren vorgeschlagen. Das Land Sachsen-Anhalt soll dabei gemeinsam mit fachlich ausgestatteten Behörden Verantwortung übernehmen. Mehrfach wurde die Einbindung einer oberen Wasserbehörde oder des Landesamtes für Umweltschutz gefordert. Die untere Wasserbehörde des Altmarkkreises sei personell kaum in der Lage, ein Verfahren dieser Größenordnung allein zu bearbeiten.
Auch die Bevölkerung soll frühzeitig beteiligt werden. Nach der fachlichen Entscheidung dürften nicht noch weitere Jahre verstreichen, lautete der Tenor. Der Dialog soll fortgesetzt werden – denn die Zukunft des Arendsees ist für die Region nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine ökologische, touristische und politische Frage.