In der Gartenstraße in Kalbe entstehen derzeit neue Beratungsräume: Juliane Ensminger macht sich als systemische Supervisorin und Coachin selbstständig. Die 46-Jährige möchte dort künftig Teams, Führungskräfte und Menschen begleiten, die vor Entscheidungen stehen, ihre berufliche oder private Rolle reflektieren oder ihre Zusammenarbeit verbessern wollen.
Die Räume sind noch nicht vollständig eingerichtet. Die Wände sind salbeigrün gestrichen, im großen Raum stehen bereits Sitzmöbel, und in der kleinen Küche läuft die Kaffeemaschine. Ensminger überlegt noch, welche Bilder sie aufhängen möchte. Ihr Angebot soll sowohl für Gruppen als auch für Einzelpersonen offenstehen.
Was systemische Beratung bedeutet
Der systemische Ansatz betrachtet nach Ensmingers Erklärung nicht nur den einzelnen Menschen, der Beratung sucht. Einbezogen werden auch das berufliche Umfeld, Kollegen, die Familie und das gesamte soziale System, in dem sich jemand bewegt. Anders als bei einer Suche nach einem Schuldigen gehe es darum, aus bisherigen Erfahrungen neue Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.
Ensminger beschreibt diesen Unterschied so: In therapeutischen Gesprächen könne es darum gehen, die Wurzeln von Problemen und die Gründe für bestimmte Gefühle oder Verhaltensweisen zu verstehen. Die systemische Arbeit frage zusätzlich, was die betroffene Person aus ihrer bisherigen Situation für die Gegenwart mitnehmen könne.
Ein wichtiger Teil ihres künftigen Angebots ist die Supervision. Dabei können Beschäftigte – besonders in sozialen Berufen – Fälle und berufliche Themen besprechen und einen anderen Blick auf ihre Arbeit entwickeln. Die Supervisorin gibt dabei nicht einfach eine fertige Lösung vor. Stattdessen werden gemeinsam neue Perspektiven und Möglichkeiten erarbeitet.
Hintergrund aus Suchtberatung und sozialpsychiatrischem Dienst
Ensminger studierte Sozialpädagogik in Berlin und arbeitete anschließend zunächst in der Suchtberatung in Gardelegen. Weil sie erkannte, dass professionelle Beratung zusätzliches methodisches Handwerkszeug erfordert, absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung in systemischer Therapie.
Insgesamt war sie 19 Jahre in der Suchtberatung tätig, davon zehn Jahre als Leiterin der AWO-Suchtberatung im Altmarkkreis Salzwedel. In dieser Zeit wurde nach ihren Angaben die Fachstelle für Suchtprävention im Landkreis aufgebaut. Später arbeitete sie außerdem im sozialpsychiatrischen Dienst, wo neben Suchterkrankungen auch andere psychische Erkrankungen und schwierige Lebenssituationen eine Rolle spielten.
Der Wunsch, stärker mit Gruppen zu arbeiten, führte sie schließlich zur Supervision. Derzeit absolviert sie am Magdeburger Institut für systemische Forschung, Therapie und Beratung eine Ausbildung zur systemischen Supervisorin und Coachin. Ihre eigenen positiven Erfahrungen mit Supervisorinnen und Supervisoren in der früheren Arbeit hätten sie zusätzlich motiviert.
Teamcoaching, Führung und persönliche Entscheidungen
Beim Teamcoaching stehen weniger einzelne Fälle als die Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Typische Fragen sind, wie ein Team besser kommunizieren, Missverständnisse vermeiden, seinen Auftrag klären und gemeinsame Arbeitsweisen entwickeln kann. Davon könnten nicht nur soziale Einrichtungen, sondern grundsätzlich Unternehmen profitieren, in denen Menschen zusammenarbeiten.
Ensminger hält es für einen Irrtum, Supervision oder Coaching erst bei einem eskalierten Konflikt einzusetzen. Die Begleitung könne auch kontinuierlich erfolgen, damit sich ein Team weiterentwickelt. Manchmal wirke ein Team nach außen harmonisch, obwohl Konflikte nicht angesprochen würden. Voraussetzung sei allerdings die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen.
Coaching könne neu zusammengesetzten Teams, neuen Projekten oder Führungswechseln helfen. Auch Einzelpersonen können sich an Ensminger wenden – etwa bei beruflicher Neuorientierung, anstehenden Entscheidungen oder dem Wunsch, eine festgefahrene persönliche Situation zu verändern. Sie möchte außerdem Paare mit Problemen im Miteinander sowie möglicherweise Sportler begleiten, die vor Wettkämpfen mentale Blockaden abbauen wollen.
Coaching ersetzt nach ihrer Abgrenzung keine Therapie und stellt keine Diagnose. Wenn sich zeige, dass eine psychische Erkrankung oder eine andere professionelle Hilfe notwendig sei, wolle sie an geeignete Stellen vermitteln. Coaching könne jedoch dabei helfen, Gedanken zu sortieren und neue Orientierung zu gewinnen.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Führungskräfte, insbesondere auf der mittleren Führungsebene. Sie stehen häufig zwischen den Erwartungen der Unternehmensleitung und den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter. Im Coaching können Fragen zur neuen Rolle, zum angemessenen Abstand zu Mitarbeitern und zum persönlichen Führungsstil bearbeitet werden. Ensminger betont, dass es keine einheitliche klassische Führungsrolle gebe. Gute Führung beginne damit, die eigenen Stärken und Grenzen zu kennen und zugleich die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu verstehen.