Kalbe. Eine Gesprächsrunde im Kulturhof der Künstlerstadt Kalbe hat die unterschiedlichen Vorstellungen von Heimat, ostdeutscher Identität und Integration sichtbar gemacht. Die Autorinnen Monika Maron und Valerie Schönian diskutierten mit Deutschlandfunk-Moderator Niklas Ottersbach über persönliche Erfahrungen, Migration und die Frage, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen kann.
Die Veranstaltung fand am Dienstagabend statt. Eingeladen hatte die Autorenvereinigung PEN Berlin, die derzeit mit Gesprächsrunden durch größere und kleinere Orte in Sachsen-Anhalt tourt. Die Festscheune des Kulturhofes war gut gefüllt. Viele Gäste reagierten auf die Aussagen der Diskussionsteilnehmerinnen und brachten eigene Erfahrungen ein.
Heimat als persönliche Erfahrung
Bereits zum Auftakt wurde deutlich, wie unterschiedlich der Begriff verstanden wird. Der PEN-Berlin-Autor Aron Boks forderte das Publikum mit mehreren Fragen zur Positionierung auf: „Wer ist Ossi? Wer ist Wessi? Wer hat eine zweite Heimat? Wer fühlt sich heimatlos?“ Viele Hände gingen bei mehreren Fragen zugleich nach oben, andere blieben unten. Heimat erschien damit nicht als festgelegte Kategorie, sondern als persönliche und wandelbare Erfahrung.
Monika Maron, Jahrgang 1941, wurde mit jüdisch-polnischen Wurzeln geboren und wuchs in einem kommunistischen Haushalt in Ost-Berlin auf. Ihren literarischen Durchbruch erreichte sie 1981 mit dem Roman „Flugasche“, der von der Umweltverschmutzung in Bitterfeld handelt. In der DDR durfte das Buch nicht erscheinen, im Westen wurde es veröffentlicht. Im Gespräch wurde ihre Biografie auch mit ihrer späteren Distanz zur wiedervereinigten Bundesrepublik, zu Angela Merkel und zu grüner Politik verbunden.
Valerie Schönian wurde 1990 in Gardelegen geboren, ihre Großmutter lebte in Kalbe. Aufgewachsen ist sie in Magdeburg, wo sie ein katholisches Gymnasium besuchte. Als Angehörige der Nachwendegeneration setzte sie sich mit der Wahrnehmung Ostdeutscher auseinander. Ihre Erfahrungen rund um Pegida und die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München verarbeitete sie unter anderem in ihrem Buch „Ostbewusstsein“.
Auf die Frage, warum Deutschland ihr Land sei, antwortete Maron: „Ich habe kein anderes“. Schönian erklärte dagegen: „Ich bin hier aufgewachsen und geboren und fühle mich hierfür verantwortlich.“ Für Schönian gehören sowohl die Altmark als auch Magdeburg zu ihren Heimatorten. Sie beschrieb Heimat als Verbundenheit, Zugehörigkeit, gemeinsame Kultur und Kenntnis der Geschichte. Maron hob dagegen Vertrautheit, Sprache und kulturelle Kontinuität hervor: „Jenseits der Sprache könnte ich mich überhaupt nicht verheimaten. Ansonsten haben sich meine Heimatgefühle im Leben auch gewandelt.“
Streit über Migration und Integration
Besonders kontrovers wurde es beim Thema Migration. Maron bezeichnete die Integration als gescheitert und schilderte Eindrücke aus Berliner Stadtteilen. Sie sprach von Kulturfremdheit und der Sorge, Menschen könnten sich in ihrer vertrauten Umgebung „heimatlos werden, wenn das so weitergeht“.
Schönian widersprach. Sie warnte davor, Menschen wegen ihres Aussehens oder ihrer Herkunft ein Zugehörigkeitsgefühl abzusprechen. Aus ihrem Freundeskreis, zu dem auch Muslime gehören, berichtete sie: „Sie erleben Rassismus.“ Allgemeine Urteile über ganze Bevölkerungsgruppen lehnte sie ab: „Das Problem ist immer, wenn wir anfangen zu pauschalisieren und nicht mehr die einzelnen Menschen zu sehen.“
Trotz der Gegensätze blieb die Diskussion nach Angaben des Berichts respektvoll. Beide Gesprächspartnerinnen verband die Sorge, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt erhalten werden kann. Auch aus dem Publikum kamen unterschiedliche Sichtweisen. Ein Besucher, der 18 Jahre in Schweden und Norwegen gelebt hatte, sagte: „Integration ist schwierig. Ich habe das dort nicht geschafft. Das ist einer der Gründe, warum ich wieder hier bin.“ Zugleich fragte er, wie Deutschland angesichts von Kriegen und Klimawandel mit künftig noch mehr Fluchtbewegungen umgehen wolle.
Ostdeutsche Identität und Wege zum Zusammenhalt
Ein weiterer Schwerpunkt war die Entwicklung Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. Maron kritisierte, Ostdeutsche seien in Verwaltung und Universitäten nicht schnell genug berücksichtigt worden. Die Ausgangslage im Osten beschrieb sie mit den Worten: „Und im Osten gab es alles, aber es war zerschlissen. Der Staat war kaputt, die Fabriken waren kaputt, die Häuser waren kaputt, die Straßen waren kaputt.“ Über die damaligen Erwartungen sagte sie: „Die Leute wollten die Einheit, die Leute wollten die D-Mark. Und das haben sie bekommen und das hat sie eben auch überrollt.“
Schönian verwies auf weiterhin bestehende Unterschiede in Medien, Kultur und Wirtschaft. Dabei gehe es ihr nicht darum, alles schlechtzureden, sondern darum, Unterschiede sichtbar zu machen und auch positive Seiten Ostdeutschlands zu benennen. Ein Besucher schilderte seine Unsicherheit darüber, was eine ostdeutsche Identität eigentlich ausmacht. Eine Mitarbeiterin der Landesverwaltung widersprach hingegen dem Bild einer dauerhaften Benachteiligung und berichtete von guten beruflichen Chancen in Sachsen-Anhalt.
Weitere Beiträge thematisierten Ausgrenzungserfahrungen als Einwandererkind aus Polen, Vorurteile gegenüber Westdeutschen in Ostdeutschland und neue politische Konfliktlinien. Ein Gast sprach von mehreren „Kulturkämpfen“: zwischen Menschen mit Migrationsgeschichte und Deutschen, zwischen Ost und West sowie entlang politischer Einstellungen.
Zum Ende der Veranstaltung rückte die Suche nach Lösungen in den Mittelpunkt. Corinna Köbele von der Künstlerstadt Kalbe warb für mehr Orte der Begegnung und verwies auf ein Gesprächsformat, bei dem die Teilnehmer zunächst nur zuhören sollten: „Das, was dann entstand, war Nähe und Verständnis füreinander, ohne dass man sich rechtfertigen musste“. Solche Räume brauche die Gesellschaft heute, lautete die zentrale Botschaft des Abends.