Ab Oktober sollen in Gardelegen erstmals Jugendliche selbst mit gleichaltrigen Ersttätern über kleinere Straftaten sprechen. Das Schülergremium besteht aus 15 Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren. Die Fälle vermittelt die Staatsanwaltschaft Stendal. Wenn die Ersttäter und ihre Erziehungsberechtigten zustimmen und die vereinbarten Sanktionen erfüllt werden, kann die Staatsanwaltschaft von der Strafverfolgung absehen.

Das Projekt richtet sich an Jugendliche aus der Einheitsgemeinde Gardelegen. Beteiligt sind Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, der Karl-Marx-Sekundarschule und der Rosa-Luxemburg-Förderschule. Begleitet wird das Gremium von Monique Grothe und Maren Mörke vom Jugendförderungszentrum (JFZ). Die Jugendlichen kommen aus den Einheitsgemeinden Gardelegen, Kalbe und Klötze.

Diebstahl, Sachbeschädigung und verbotene Symbole

Verhandelt werden sollen vor allem leichtere Delikte wie Diebstahl oder Sachbeschädigung. Monique Grothe erwartet außerdem Fälle, in denen verbotene Symbole verwendet oder andere Menschen beleidigt wurden. Das Justizministerium will Schülergremien in Sachsen-Anhalt ausweiten, insbesondere im Norden des Landes. Neben Gardelegen gibt es bereits ein Gremium in Salzwedel; insgesamt soll es im Land sieben geben. Im Landkreis Harz arbeitet ein Schülergremium nach Angaben des Berichts bereits seit 20 Jahren.

Vor ihrem ersten Einsatz absolvieren die Jugendlichen eine viertägige Ausbildung. Dabei geht es unter anderem darum, Gefühle zu erkennen, richtig zu kommunizieren, Konflikte zu deeskalieren und Datenschutzregeln einzuhalten. Die Schülerinnen und Schüler erhalten später Einblick in Akten. Außerdem lernen sie, wie eine Verhandlung abläuft und wie Gespräche mit den Ersttätern geführt werden. Ein Ausbildungstag führt nach Elbingerode, wo sie an einer Verhandlung des Harzer Schülergremiums teilnehmen und sich mit den dortigen Schülerrichtern austauschen.

Staatsanwaltschaft Stendal beruft die Schülerrichter

Bevor die Jugendlichen selbst tätig werden, müssen sie von der Staatsanwaltschaft Stendal „vergattert“, also sinngemäß berufen, werden. Je nach Zahl der zugewiesenen Fälle sind etwa zwei Verhandlungen pro Monat im Schulungsraum im LIW-Saal vorgesehen. An jeder Verhandlung nehmen drei Schülerrichter sowie Monique Grothe oder Maren Mörke teil.

Der Ablauf beginnt mit einem Vorgespräch. Danach sprechen die Beteiligten gemeinsam mit dem Ersttäter über die Tat. Anschließend berät sich das Schülergremium und legt eine Sanktion fest. Möglich sind laut Bericht beispielsweise ein Täter-Opfer-Ausgleich, ein Entschuldigungsbrief oder Rasenmähen, wenn ein Zaun beschädigt wurde. Die Staatsanwaltschaft Stendal wird über die Entscheidung informiert.

Die Jugendlichen verbinden mit ihrer Teilnahme unterschiedliche Ziele: Sie wollen anderen helfen, den Umgang mit Menschen lernen, sich weiterbilden oder die Perspektive jugendlicher Straftäter kennenlernen. Wer beim Schülergremium mitmachen möchte, kann sich beim JFZ unter 03907/801814 oder per E-Mail an [email protected] melden.