Ein Knochenkamm mit Metallnieten, Keramikscherben und ein Gürtelhaken erzählen von Menschen, die vor rund 1.700 Jahren in der Altmark lebten und arbeiteten. Zwei Wochen lang haben die Jungen Archäologen der Altmark bei Rockenthin, einem Ortsteil von Salzwedel, eine germanische Siedlung aus der jüngeren Römischen Kaiserzeit untersucht. Der Fundort liegt heute verborgen in einem Maisfeld.
Die Grabung ist auch für Interessierte aus Stendal und der weiteren Altmark bemerkenswert: Das ehrenamtliche Projekt verbindet archäologische Forschung mit internationaler Nachwuchsarbeit. Zugleich steht der Verein vor einem Problem. Trotz des Namens wird es schwieriger, junge Menschen für die Mitarbeit zu gewinnen.
Werkstätten und Spuren aus der Zeit von 200 bis 400 nach Christus
Auf dem Gelände lebten und arbeiteten vermutlich zwischen 200 und 400 nach Christus Germanen. Seit 2018 untersuchen Vereinsmitglieder den Fundplatz. Rund 840 Quadratmeter wurden nach Angaben des MDR inzwischen freigelegt.
Mindestens acht sogenannte Grubenhäuser konnten nachgewiesen werden. Diese kleinen, teilweise in den Boden eingetieften Gebäude dienten vermutlich vor allem als Werkstätten. Außerdem fanden die Archäologen Hinweise auf deutlich größere Langhäuser. Keramikscherben, Spinnwirtel – Gewichte von Handspindeln zur Herstellung von Garn – und weitere Alltagsgegenstände geben Hinweise darauf, wie die damaligen Bewohner lebten, arbeiteten und sich kleideten.
Ein Gürtelhaken aus dem frühen ersten Jahrhundert könnte darauf hindeuten, dass das Gelände schon deutlich früher genutzt wurde. Die Funde werden vermessen und dokumentiert. Dabei kommen auch 3D-Scanner zum Einsatz.
Empfindlicher Knochenkamm wird im Block geborgen
Kurz vor dem Ende der diesjährigen Grabung machten die Archäologen eine besondere Entdeckung. Im sandigen Boden kam ein Knochenkamm mit Metallnieten zum Vorschein. Der Thüringer Archäologe Philipp Brügge erkannte, dass die Bergung schwierig werden würde, weil der Boden den Knochen bereits angegriffen hatte.
Gemeinsam mit der Archäologiestudentin Selina Ohner wurde der Fund deshalb vorsichtig im Block geborgen. Für die Beteiligten sind gerade solche Gegenstände des Alltags besonders aufschlussreich: Sie können zeigen, wie Menschen vor etwa 1.700 Jahren ihren Alltag organisierten und welche Dinge sie verwendeten.
Die Arbeit auf dem Grabungsfeld verlangt dabei Geduld. Mit der Kelle wird vorsichtig durch den sandigen Boden gearbeitet, damit mögliche Scherben, Metallteile oder weitere Spuren nicht beschädigt werden. Die einzelnen Funde werden anschließend genau erfasst.
Teilnehmer aus Australien und Dublin – Verein sucht Nachwuchs
Das Grabungscamp zieht längst Menschen aus verschiedenen Ländern und Generationen an. In diesem Sommer nahm sogar ein Teilnehmer aus Australien teil. Selina Ohner lebt in Dublin, während der 18-jährige Khoa Vo, der in Vietnam geboren wurde, einen Teil seiner Ferien bei der Grabung verbrachte.
Vo schätzt besonders, dass die Teilnehmer selbst praktisch mitarbeiten und zugleich Erklärungen erhalten. Er gräbt Funde aus, lernt Keramik und Steinwerkzeuge zu erkennen und fertigt archäologische Zeichnungen an. Die Teilnehmer bringen unterschiedliche Kenntnisse und Erfahrungen mit.
Bei den Grabungen arbeitet der Verein eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zusammen. Für seine ehrenamtliche Arbeit wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.
Dennoch braucht die Gruppe neue Mitglieder. Vereinsvorsitzender Thomas Janikulla sagt, der Altersdurchschnitt liege inzwischen bei über 40 Jahren. Viele Mitglieder seien berufstätig und könnten Schulen nicht mehr so intensiv ansprechen wie früher. Deshalb will der Verein Jugendliche verstärkt über soziale Medien erreichen.
Die Sommergrabung zeigt zugleich, welches Potenzial das Projekt hat: Zwischen Maisfeld, Kelle und Keramikscherben arbeiten Menschen unterschiedlicher Generationen und aus mehreren Ländern gemeinsam an der Frage, wie das Leben in der Region vor 1.700 Jahren aussah.