Für Bahnreisende in Stendal und der gesamten Altmark zeichnet sich eine deutlich längere Zeit mit Einschränkungen ab als bisher geplant: Verzögerungen bei Bauarbeiten der Deutschen Bahn führen dazu, dass zwei wichtige Ost-West-Strecken gleichzeitig gesperrt werden. Stendal droht dadurch ab Oktober 2026 bis Ende 2027 der Verlust aller direkten ICE-Verbindungen nach Hannover und Berlin.
Auch der Regionalverkehr zwischen Stendal und Wolfsburg bleibt länger auf Busse angewiesen. Der Schienenersatzverkehr soll sich von ursprünglich zwölf auf 24 Monate verlängern. Für Pendlerinnen und Pendler bedeutet das zusätzliche Fahrzeit und für Reisende aus Stendal erhebliche Änderungen bei direkten Verbindungen.
Zwei Baustellen überschneiden sich
Ursprünglich hatte der Baustellenplan der Bahn vorgesehen, die beiden parallel verlaufenden Ost-West-Trassen durch die Altmark nacheinander zu sanieren. Dieser Ablauf lässt sich nach Angaben der Deutschen Bahn nun nicht einhalten. Die Netztochter InfraGO muss ihre Bauplanung wegen Verzögerungen anpassen.
Betroffen ist zunächst die historische Lehrter Stammbahn zwischen Lehrte, Wolfsburg, Stendal, Rathenow und Berlin. Sie wird seit Sommer 2025 vollständig elektrifiziert, damit sie künftig als Ausweichstrecke für ICE-Züge genutzt werden kann. Die Sperrung soll jedoch nicht wie vorgesehen Ende 2026 enden, sondern bis Ende 2027 dauern.
Die Elektrifizierung betrifft unter anderem die Abschnitte zwischen Gardelegen und Nahrstedt sowie zwischen Bindfelde und Rathenow. Die Bahn bezeichnet das Vorhaben als eines der größten Elektrifizierungsprojekte Deutschlands. In Uchtspringe verläuft die Stammbahn parallel zur ICE-Trasse; dort sind die Bauarbeiten ebenfalls sichtbar.
Ab Oktober 2026 soll außerdem die rund 30 Jahre alte ICE-Strecke vollständig gesperrt und saniert werden. Geplant sind unter anderem die Erneuerung von Teilen der festen Fahrbahn, der Austausch von Weichen und Lärmschutzwänden sowie Arbeiten an Bahnhöfen. Die sogenannte Korridorsanierung soll ebenfalls Ende 2027 abgeschlossen sein.
Keine direkte Bahnverbindung nach Westen und Osten
Die Überschneidung der Bauarbeiten hat konkrete Folgen für den Fahrplan. Zwischen Dezember 2026 und Oktober 2027 können weder die vorgesehenen Fernzüge auf der Stammbahn noch die geplanten stündlichen Regionalzüge fahren. Damit gibt es zwischen Stendal und Wolfsburg beziehungsweise Hannover weder im Nah- noch im Fernverkehr eine Direktverbindung.
Ab Oktober 2026 ist Stendal voraussichtlich nur noch aus nördlicher oder südlicher Richtung mit der Bahn erreichbar – aus Magdeburg, Salzwedel und Wittenberge. Auch direkte Verbindungen zwischen Stendal und Berlin mit ICE und Regionalzügen auf der Ost-West-Trasse entfallen wegen der zeitgleichen Sperrungen.
Die Bahn prüft nach eigenen Angaben zusätzliche Verbindungen für Stendal über die Strecke Hamburg–Wittenberge–Berlin. Einzelheiten dazu waren zunächst offen. Für die Bauphase zwischen Oktober und Dezember 2026 sind als Ersatz Expressbusse zwischen Stendal und Genthin geplant. Dort soll der Anschluss in Richtung Berlin möglich sein.
Schon seit Dezember 2025 müssen Reisende zwischen Stendal und Wolfsburg im Regionalverkehr auf Busse umsteigen. Die Fahrzeit ist nach Angaben des MDR ungefähr doppelt so lang wie mit dem Zug. Besonders betroffen ist die Verbindung über Gardelegen. Dort liegen insgesamt fünf Bahnstationen in einer Stadt, die flächenmäßig als drittgrößte Deutschlands beschrieben wird.
Kritik aus der Region und Forderung nach Alternativen
Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher (SPD) erwartet vor allem bei längeren Reisen Probleme. Der Ersatzverkehr nach Stendal oder Wolfsburg sei zwar planbarer als der Bahnverkehr mit seinen häufigen Verspätungen, verlängere die Fahrten aber um etwa 20 Minuten. Für Reisende mit Anschlussverbindungen werde die Situation schwieriger.
„Wenn man dann weiterfahren will, hat man ein echtes Problem“
Schumacher fordert von der Deutschen Bahn Verbesserungen beim Anschluss Gardelegens an den Fernverkehr. Die Stadt könne nicht zwei Jahre ohne zusätzliche Angebote bleiben.
Sachsen-Anhalts Infrastrukturministerin Lydia Hüskens (FDP) äußerte Verständnis für den Ärger. Wenn aus einer zunächst überschaubaren Sperrung eine mehrjährige Einschränkung werde und zugleich unklar bleibe, ob der neue Zeitplan eingehalten werden könne, entstehe großes Unverständnis.
„Ich kann wirklich jeden verstehen, der sagt: So geht es nicht.“
Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft forderte attraktive Alternativen für die Altmark. Landesvorsitzende Janina Pfeiffer warnte, die notwendige Modernisierung der Schieneninfrastruktur dürfe nicht zulasten der Menschen in Sachsen-Anhalt gehen. Wie die zusätzlichen Verbindungen für Stendal konkret aussehen und ob der aktualisierte Zeitplan eingehalten werden kann, bleibt zunächst offen.