Stendal und weite Teile der Altmark müssen sich auf deutlich längere Einschränkungen im Bahnverkehr einstellen. Die Deutsche Bahn kann ihren Baustellen-Zeitplan im Norden Sachsen-Anhalts nicht einhalten. Dadurch überschneiden sich zwei Sperrungen, die ursprünglich nacheinander geplant waren. Für Stendal bedeutet das nach Angaben der Bahn den möglichen Verlust aller direkten ICE-Verbindungen Richtung Hannover und Berlin für mehr als ein Jahr.

Zwischen Stendal und Wolfsburg soll der Schienenersatzverkehr außerdem nicht wie ursprünglich vorgesehen zwölf, sondern insgesamt 24 Monate dauern. Die Änderungen betreffen damit Pendlerinnen und Pendler, Reisende zwischen der Altmark und Niedersachsen sowie Fahrgäste mit Zielen in Berlin, Hannover und Wolfsburg.

Schienenersatzverkehr zwischen Stendal und Wolfsburg wird verlängert

Seit Dezember 2025 müssen Reisende im Regionalverkehr zwischen Stendal und Wolfsburg auf Busse umsteigen. Die Fahrt dauert nach den vorliegenden Angaben etwa doppelt so lange wie mit dem Zug. Mit der Verzögerung bleibt diese Situation ein weiteres Jahr bestehen. Die Strecke führt unter anderem über Gardelegen, wo insgesamt fünf Bahnstationen vom Verkehr abgeschnitten sind.

Ursprünglich war geplant, ab Dezember 2026 während der Sanierung der ICE-Strecke die Lehrter Stammbahn als Ausweichstrecke für einzelne Fernzüge zu nutzen. Gleichzeitig sollten wieder stündlich Regionalzüge verkehren. Dieser Plan kann nun zwischen Dezember 2026 und Oktober 2027 nicht umgesetzt werden. Zwischen Stendal und Wolfsburg beziehungsweise Hannover gäbe es dann weder im Nah- noch im Fernverkehr eine Direktverbindung.

Für die Bauphase zwischen Oktober und Dezember 2026 plant die Bahn als Ersatz Expressbusse zwischen Stendal und Genthin. Dort soll der Anschluss in Richtung Berlin erreicht werden. Weitere zusätzliche Verbindungen für Stendal über die Strecke Hamburg–Wittenberge–Berlin werden laut Bahn geprüft. Wie dieses Angebot konkret aussehen könnte, war zunächst nicht geklärt.

Auch die Verbindung nach Berlin ist betroffen

Ab Oktober 2026 bis Ende 2027 soll Stendal auf dem Schienenweg nur noch aus nördlicher oder südlicher Richtung erreichbar sein – aus Magdeburg, Salzwedel und Wittenberge. Weil ab Dezember 2026 beide Ost-West-Trassen gleichzeitig gesperrt werden, fallen nach den Angaben auch direkte Verbindungen zwischen Stendal und Berlin mit ICE und Regionalzügen weg.

Hintergrund sind zwei parallel verlaufende Bahnstrecken durch die Altmark: die historische Lehrter Stammbahn von Lehrte über Wolfsburg, Stendal und Rathenow nach Berlin sowie die ICE-Trasse zwischen Hannover, Stendal und Berlin. Seit Sommer 2025 wird die Stammbahn vollständig elektrifiziert. Sie soll künftig als Ausweichstrecke für ICE-Züge dienen. Betroffen sind konkret die Abschnitte zwischen Gardelegen und Nahrstedt sowie zwischen Bindfelde und Rathenow. Die Bahn bezeichnet das Vorhaben als eines der größten Elektrifizierungsprojekte Deutschlands.

Die Lehrter Stammbahn muss wegen der Verzögerungen nun bis Ende 2027 gesperrt bleiben. Ursprünglich war ihre Wiederinbetriebnahme bis Ende 2026 vorgesehen. Wie bei Uchtspringe wird die Strecke parallel zur ICE-Trasse elektrifiziert.

Sanierung der ICE-Strecke startet im Oktober 2026

Im Oktober 2026 soll unter Vollsperrung die Sanierung der rund 30 Jahre bestehenden ICE-Trasse beginnen. Dabei werden Teile der festen Fahrbahn erneuert, Weichen und Lärmschutzwände ausgetauscht sowie Bahnhöfe saniert. Die sogenannte Korridorsanierung soll ebenfalls Ende 2027 abgeschlossen sein.

Die angekündigte Verlängerung stößt in der Region auf Kritik. Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher sagte, der Ersatzverkehr sei für Pendler nach Stendal oder Wolfsburg zwar planbarer als der Zugverkehr mit häufigen Verspätungen. Die Fahrten verlängerten sich jedoch um etwa 20 Minuten. Wer anschließend weiterreisen müsse, habe ein großes Problem. Schumacher fordert von der Deutschen Bahn Verbesserungen beim Anschluss Gardelegens an den Fernverkehr. Die Stadt könne nicht zwei Jahre ohne zusätzliche Angebote bleiben.

Sachsen-Anhalts Infrastrukturministerin Lydia Hüskens äußerte Verständnis für den Ärger. Wenn aus einer zunächst überschaubaren Sperrung eine mehrjährige Einschränkung werde und zugleich unklar sei, ob der neue Zeitplan eingehalten werden könne, entstehe großes Unverständnis.

Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft fordert attraktive Alternativen für die Altmark. Die notwendige Modernisierung der Infrastruktur dürfe nicht auf dem Rücken der Menschen in Sachsen-Anhalt ausgetragen werden, erklärte die Landesvorsitzende Janina Pfeiffer. Die Bahn muss nun klären, welche zusätzlichen Verbindungen über Wittenberge sowie welche Expressbusse den Wegfall der direkten Zugverbindungen für Stendal ausgleichen können.