Wie lebte es sich in Salzwedel zwischen 1960 und 1970? Eine neue Zeitzeugen-Reihe des Arbeitskreises Salzwedeler Altstadt (ASA) gibt persönlichen Erinnerungen Raum. Zur Premiere berichtete Johanna Loof, heute 75 Jahre alt, von ihrer Kindheit und Jugend in der DDR – und davon, wie sie den langen Rock ihrer Mutter zuliebe zunächst anzog, ihn aber außerhalb des häuslichen Blickfelds zur damals modernen Minimode hochkrempelte.
Das Geschichtsprojekt trägt den Titel „Ich erinnere mich . . .“ und soll verhindern, dass Erlebnisse, Traditionen und Veränderungen vergangener Jahrzehnte mit dem Tod einer Generation verschwinden. Persönliche Geschichten über das „alte Salzwedel“ sollen dokumentiert und für nachfolgende Generationen zugänglich gemacht werden.
Premiere mit Erinnerungen an das alte Salzwedel
Die erste Veranstaltung fand Anfang August im Cafégarten unter dem Nussbaum hinter dem ASA-Haus in der Altperverstraße 28 statt. Johanna Loof wuchs im Schatten der Marienkirche auf, ist vielen Salzwedelern als Stadtführerin bekannt und gehört zu den ersten Mitgliedern des ASA. Das Gespräch führte Ines Kahrens, die die neue Reihe federführend organisiert.
Loof erzählte unter anderem vom frühen Krebstod ihres Vaters und von ihrer kränkelnden, häufig niedergeschlagenen Mutter. Daraus hätten sich für sie schon früh Pflichten im Haushalt ergeben. Sie berichtete außerdem von ihrer Freundin Evi, mit der sie regelmäßig auf die Stadtmauer kletterte oder im großen Garten der Familie spielte.
Für Heiterkeit sorgte die Geschichte über den Schulweg: Ihre Mutter hatte ihr die damals aufkommende Minimode verboten. Deshalb verließ Johanna das Haus brav mit langem Rock und krempelte ihn erst hoch, sobald sie nicht mehr beobachtet wurde. Auch Radio und Fernsehen spielten zunächst kaum eine Rolle. Als die Familie 1961 einen Fernseher anschaffte, durfte sie höchstens das Sandmännchen sehen.
Trotz der familiären Belastungen beschrieb Loof ihre Kindheit insgesamt als schön und behütet. Ihren Vortrag beendete sie mit den Worten: Es wäre schön, wenn ich heute noch so umsorgt würde.
Rund 50 Besucher, technische Verbesserungen geplant
Nach Angaben von Ines Kahrens kamen rund 50 Besucher. Die Organisatorin zog deshalb eine positive Bilanz. Gleichzeitig zeigte die Premiere technische Schwächen: Der kleine Lautsprecher auf dem Moderatorentisch und das bereitgestellte Mikrofon erwiesen sich als nicht ausreichend. Ein Handmikrofon, mit dem sich das Publikum am Gespräch hätte beteiligen können, fehlte vollständig. Kahrens kündigte eine schnelle Verbesserung der Ausstattung an.
Getragen wird das Projekt neben dem ASA auch vom Bildungsverein Urania und vom Danneil-Museum Salzwedel. Der Arbeitskreis, der sich seit Jahren für den Erhalt und die Pflege der historischen Altstadt einsetzt, erweitert damit seine Arbeit um die Bewahrung immaterieller Kultur.
Nächste Folge am 27. September
Die nächste Folge ist für den 27. September vorgesehen. Wenn das Wetter mitspielt, soll erneut im Cafégarten unter dem Nussbaum aufgezeichnet werden. Als Ausweichort steht das ASA-Haus zur Verfügung; auch andere Veranstaltungsorte sind möglich.
Das Konzept bleibt zunächst bewusst überschaubar: Vorgesehen sind weiterhin ein Interviewgast und eine Gesprächsdauer von etwa einer Stunde. Die behandelte Epoche soll sich dabei am jeweiligen Gast orientieren. Bei einem 80- oder 90-jährigen Zeitzeugen würde die Jugend naturgemäß in eine andere Zeit fallen. Wer als Nächstes eingeladen wird, wollte Kahrens noch nicht verraten.