Der Kohleausstieg hat die deutschen Braunkohleregionen über Jahre geprägt. Eine neue Analyse des ifo Instituts kommt nun jedoch zu einem überraschenden Ergebnis: Die Arbeitsplatzdynamik im Lausitzer, Mitteldeutschen und Rheinischen Revier unterscheidet sich bislang weniger stark voneinander als erwartet. Für Leserinnen und Leser in Stendal ist die Untersuchung vor allem als Blick auf die allgemeinen Folgen des Strukturwandels relevant. Eine direkte Auswertung des Arbeitsmarkts in Stendal enthält die Studie allerdings nicht.

Untersucht wurde der Zeitraum von 1994 bis 2023. Der Ökonom Daniel Meyer wertete für ifo Dresden das Betriebs-Historik-Panel aus. Dabei ging es nicht nur um Arbeitslosenzahlen. Die Analyse erfasste neu geschaffene und weggefallene Stellen in gegründeten, expandierenden, schrumpfenden und geschlossenen Betrieben.

Arbeitsmärkte folgen größeren Entwicklungen

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Die Arbeitsplatzentwicklung in den Braunkohlerevieren ordnet sich bislang weitgehend in die allgemeinen Trends Ost- und Westdeutschlands ein. Revierspezifische Besonderheiten seien nur in begrenztem Maß erkennbar. Dadurch lässt sich laut der Analyse nicht jede Veränderung eines regionalen Arbeitsmarkts unmittelbar auf die Braunkohle oder den Kohleausstieg zurückführen.

Die drei untersuchten Regionen unterscheiden sich wirtschaftlich deutlich. Dennoch treten diese Unterschiede in der bisherigen Arbeitsplatzdynamik weniger klar hervor als erwartet. Für die Bewertung regionaler Förderpolitik bedeutet das: Ein einzelnes Industrie-Thema erklärt die Entwicklung von Beschäftigung nicht vollständig.

Strukturhilfen noch nicht abschließend bewertbar

Besonders wichtig ist der Befund für die Lausitz und das Mitteldeutsche Revier. Beide Regionen erlebten nach 1990 massive wirtschaftliche Umbrüche und verloren einen erheblichen Teil ihrer traditionellen industriellen Beschäftigung. Inzwischen fließen erneut hohe Summen in Infrastruktur, Forschung, Industrieansiedlungen und öffentliche Einrichtungen.

Ob diese Strukturhilfen tatsächlich zusätzliche Beschäftigungsdynamik auslösen, lässt sich nach Einschätzung der Studie noch nicht abschließend beurteilen. Die Daten enden 2023, während viele größere Vorhaben aus den Strukturstärkungsgesetzen erst aufgebaut oder umgesetzt werden.

Damit liefert die Analyse zunächst einen Ausgangspunkt für die kommenden Jahre. Entscheidend wird sein, ob die Lausitz und das Mitteldeutsche Revier eine eigene positive Entwicklung entfalten oder weiterhin hauptsächlich dem allgemeinen ostdeutschen Trend folgen. Die Untersuchung macht zugleich deutlich, dass regionale Arbeitsmärkte von vielen Faktoren beeinflusst werden – nicht nur vom Rückgang einer einzelnen Branche.